Veraltete Leitlinien, reale Folgen: Überholte Ernährungsempfehlungen zu Fett, Ei und Gluten und ihre Konsequenzen für Gesundheit und Gesundheitssystem

Veraltete Leitlinien, reale Folgen: Überholte Ernährungsempfehlungen zu Fett, Ei und Gluten und ihre Konsequenzen für Gesundheit und Gesundheitssystem

(Bildquelle: Foto: Vitaly Gariev/ Unsplash)

Ernährungsmythen entstehen nicht nur in sozialen
Netzwerken. Viele der hartnäckigsten Fehlinformationen über gesunde Ernährung
stammen aus einer weitaus weniger verdächtigen Quelle: aus offiziellen
Leitlinien, Broschüren gesetzlicher Krankenkassen und europäischen
Kennzeichnungsvorschriften. Anlässlich des World Digestive Health Day
nehmen das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH) und der Ernährungs-
und Gesundheitswissenschaftler PhDr. Sven-David Müller drei solche
institutionalisierten Fehlinformationen unter die Lupe und zeigen, was aktuelle
Forschung stattdessen sagt. Denn veraltete Empfehlungen haben reale
Konsequenzen: Fehlinformationen aus offiziellen Quellen beeinflussen täglich
Ernährungsentscheidungen von Millionen Menschen, tragen zur Entstehung
vermeidbarer chronischer Erkrankungen bei und führen letztlich zu erhöhten
Kosten für das Gesundheitssystem.
„Gesundheitsempfehlungen, die von offiziellen Stellen
ausgehen, sind nicht automatisch evidenzbasiert. Beim Fett, beim Cholesterin,
beim Ei und beim Gluten zeigt die aktuelle Wissenschaft: Die institutionelle
Kommunikation hat die Evidenz aus den Augen verloren“, sagt Felix
Große-Plankermann, Geschäftsführer des FEBPH. Öffentliche Institutionen tragen
hier eine besondere Verantwortung. Leitlinien und Empfehlungen, die nicht mit
dem aktuellen Forschungsstand Schritt halten, können das Vertrauen der
Bevölkerung in die Gesundheitskommunikation nachhaltig beschädigen.
Die Low-Fat-Lüge: Wie eine jahrzehntelange
Leitlinienempfehlung Fettleber und Diabetes mellitus Typ 2 befördert hatSeit den 1970er-Jahren lautet eine der zentralen
Botschaften in Ernährungsleitlinien, Krankenkassenbroschüren und staatlichen
Gesundheitskampagnen: Fett reduzieren, Herzerkrankungen vermeiden. Die Deutsche
Gesellschaft für Ernährung (DGE), die WHO und zahlreiche Krankenkassen
empfehlen bis heute, die Fettaufnahme auf maximal 35 Prozent der Tagesenergie
zu begrenzen, gesättigte Fettsäuren auf höchstens 10 Prozent[1].
Krankenkassen kommunizieren ergänzend, bei erhöhten Cholesterinwerten die Fett-
und Cholesterinzufuhr generell zu senken.Was diese Botschaft außer Acht lässt: Die DGE stellte in
ihrer eigenen Leitlinie bereits 2015 fest, dass kein gesicherter Zusammenhang
zwischen der Menge an Gesamtfett und dem Risiko für koronare Herzkrankheit
besteht[2]. Entscheidend ist nicht die Fettmenge, sondern die Qualität der Fettsäuren
und vor allem, womit Fett im Alltag ersetzt wird. Mehrfach ungesättigte
Fettsäuren senken das Herzrisiko tatsächlich. Raffinierte Kohlenhydrate
hingegen, auf die viele Menschen beim Weglassen von Fett instinktiv ausweichen,
erhöhen das Fettleber und Diabetes mellitus (Typ 2) -Risiko[3].
Harvard-Forscher bezeichneten vier Jahrzehnte
Low-Fat-Politik rückblickend als „gescheitertes Experiment“[4].
Die Konsequenzen sind messbar: steigende Raten von Übergewicht und Adipositas,
Typ-2-Diabetes mellitus und nicht-alkoholischer Fettleber[5].
„Eine fettreiche Ernährung kann sehr gesund sein, wenn die richtigen Fette
gewählt werden“, sagt PhDr. Sven-David Müller, ernährungsmedizinischer
Wissenschaftler. „Was uns die Low-Fat-Welle hinterlassen hat, ist eine
Generation, die Fett fürchtet und stattdessen Zucker und Weißmehl konsumiert.
Die Konsequenzen für Leber und Stoffwechsel sehen wir täglich in der Praxis.“
Ein Ei pro Woche: Eine Klimaempfehlung, die als
Herzwarnung verstanden wirdIm März 2024 aktualisierte die DGE ihre
Ernährungsempfehlungen und senkte die empfohlene Eierverzehrmenge auf ein Ei
pro Woche. In Gesundheitsportalen, Patientenmedien und
Krankenkassen-Publikationen wurde die Empfehlung umgehend auch als
kardiovaskuläre Warnung weitertransportiert. Was dabei kaum kommuniziert wurde:
Die DGE begründete die Revision ausdrücklich mit ökologischen und
Nachhaltigkeitserwägungen, nicht mit neuen medizinischen Erkenntnissen[6]. Zur
gesundheitlichen Wirkung von Eiern räumte die DGE selbst ein, dass die
Studienlage „weder eindeutig negativ noch eindeutig positiv“ sei. Studien
zeigen, dass maximal ein Ei täglich das Herzinfarktrisiko nicht erhöht oder
sogar reduzieren kann[7], fasst Sven-David Müller aktuelle Studien zusammen.
Die aktuelle Wissenschaft zeichnet ein klares Bild. Der
PROSPERITY Trial, eine der bislang umfangreichsten klinischen Untersuchungen
zum Thema Ei und Herzgesundheit, präsentiert beim American College of
Cardiology 2024, untersuchte den Verzehr von bis zu zwölf Eiern pro Woche über
mehrere Monate und fand keine signifikanten negativen Auswirkungen auf das
Lipidprofil. In der Subgruppe älterer Teilnehmer und Diabetiker zeigten sich
sogar Tendenzen zur Verbesserung der Blutfettwerte[8].
Eine 2025 im Fachjournal PubMed publizierte Studie kommt zu einem weiteren
wichtigen Befund: Nicht das Nahrungscholesterin aus Eiern erhöht den
LDL-Spiegel, sondern gesättigte Fettsäuren. Zwei Eier täglich als Teil einer
Ernährung, die arm an gesättigten Fettsäuren ist, können schädliche LDL sogar
senken[9].“Es ist heute Stand der Wissenschaft, dass Hühnereier bei
praktisch allen Menschen kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko erzeugen,
einschließlich vieler Risikopatienten wie Diabetiker“, sagt Sven-David Müller.
„Dass eine Nachhaltigkeitsempfehlung in der Öffentlichkeit als
Herzschutz-Maßnahme ankommt, ist ein Musterbeispiel dafür, wie institutionelle
Kommunikation Fehlinformationen produziert, ohne es zu beabsichtigen.“

Glutenfrei ohne Grund: Wie EU-Verordnungen eine Diät ohne
Nutzen salonfähig machenGlutenfreie Lebensmittel sind ein weltweiter Wachstumsmarkt.
In Deutschland und ganz Europa dürfen Produkte offiziell als „glutenfrei“
gekennzeichnet werden, geregelt durch die EU-Verordnung Nr. 828/2014[10].
Gleichzeitig schließt die EU Health Claims Regulation (EG) Nr. 1924/2006
keine negativen Gesundheitsaussagen über Gluten für Gesunde ein, sodass
Glutenfreiheit als implizit wünschenswertes Merkmal im Markt verbleibt[11].
Die Kennzeichnung richtet sich an niemanden im Besonderen: Eine medizinische
Indikation beim Käufer ist nicht erforderlich.
Das Ergebnis: Glutenfreiheit hat sich als implizites
Gesundheitsmerkmal etabliert[12], befeuert durch Influencer, Produktkennzeichnungen und Gesundheitsmedien, die nicht klar zwischen Zielgruppen differenzieren. Die Datenlage ist dabei
eindeutig. Für Menschen ohne Zöliakie, Weizenallergie oder nachgewiesene
Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität gibt es keine Evidenz für einen
gesundheitlichen Nutzen einer glutenfreien Ernährung[13].
Eine Studie mit über 100.000 Teilnehmern, publiziert im
British Medical Journal, fand keinen Zusammenhang zwischen Glutenverzehr und
dem Risiko für koronare Herzkrankheit bei Gesunden[14].
Im Gegenteil: Glutenfreie Produkte weisen häufig Defizite bei Ballaststoffen,
Folsäure, Eisen, Zink, Magnesium und Kalzium auf[15].
Einzelne Untersuchungen verweisen zudem auf erhöhte Schwermetallspiegel bei
Menschen, die ohne medizinische Notwendigkeit dauerhaft glutenfrei essen. Natürlich
führt eine glutenfreie Ernährung auch nicht zur Gewichtsreduktion und kann
sogar das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 steigern[16].Sven-David Müller, der selbst an Zöliakie erkrankt ist,
betont die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung: „Für Menschen mit Zöliakie
ist eine glutenfreie Ernährung lebensnotwendig. Für alle anderen ist sie in der
Regel weder nötig oder sinnvoll noch frei von Risiken. Dass diese
Unterscheidung in der öffentlichen Kommunikation verloren gegangen ist, hat
reale Folgen für die Nährstoffversorgung und das Krankheitsrisiko der
Bevölkerung.“
Fett, Cholesterin, Ei und Gluten stehen exemplarisch für
ein strukturelles Problem in der öffentlichen Gesundheitskommunikation:
Empfehlungen, die einmal in Leitlinien, Krankenkassenbroschüren und
Kennzeichnungsvorschriften verankert wurden, werden weitergetragen, auch wenn
die Wissenschaft längst differenziertere Erkenntnisse liefert. Die Folgen sind
messbar – in steigenden Raten chronischer Erkrankungen, Übergewicht und
Adipositas sowie in wachsendem Misstrauen gegenüber institutionellen
Gesundheitsbotschaften. Das FEBPH und PhDr. Sven-David Müller sehen den World
Digestive Health Day als Anlass, diesen Prozess sichtbar zu machen und eine
konsequentere Aktualisierung offizieller Empfehlungen einzufordern.Über das Forum for Evidence-Based Preventative
Health (FEBPH)Das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH)
gGmbH ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Berlin. Es positioniert
sich als Verbindungsglied zwischen Wissenschaft, Medien und Gesundheitspolitik
und hat sich der evidenzbasierten Aufklärung über Prävention und öffentliche
Gesundheitskommunikation verschrieben. Das FEBPH wurde von Prof. Dr. Frank-Ulrich
Fricke und Felix Große-Plankermann gegründet. Hier erfahren Sie mehr: evidence-based-health.org.
Über Sven-David MüllerSven-David Müller (56) aus Salzgitter ist im Alter von
sechs Jahren an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt und diese chronische Krankheit
prägte seinen Weg in die Ernährungsberatung und ernährungsmedizinische
Wissenschaft. Für seine gemeinnützige Arbeit im Ernährungsbereich wurde er
unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz oder dem Ehrenkreuz für Kunst und
Wissenschaft der Albert Schweitzer Gesellschaft ausgezeichnet. Nach der
Ausbildung zum Diätassistenten und der Weiterbildung zum Diabetesberater DDG studierte
er angewandte Ernährungswissenschaft und Public Health. Er ist Master of
Science und PhDr. An der Donau Universität Krems, der Fresenius Hochschule, der
SRH Hochschule und der Karl Landsteiner Universität Krems hält er regelmäßig
Vorlesung. Aus seiner Feder stammen mehr als 200 Publikationen. Sven-David
Müller wurde zum Ehrenmitglied des Österreichischen Akademischen Instituts für
Ernährungsmedizin ernannt.
[1] DGE-Referenzwerte:
„D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Fett“: Die DGE empfiehlt
eine Gesamtfettzufuhr von 30% der Energiezufuhr für Erwachsene.; https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/fett/; WHO Factsheet: „Healthy
diet“ (2020, aktualisiert 2023) – empfiehlt Fettaufnahme unter 30% der
Gesamtenergiezufuhr, gesättigte Fettsäuren unter 10%.; https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/healthy-diet
[2] DGE-Leitlinie Fett 2015, Kapitel
9: „Fettzufuhr und Prävention der koronaren Herzkrankheit“; https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/leitlinien/fette/09-koronare-Herzkrankheit-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
[3] DGE-Leitlinie Fett 2015, Volltext
(Zusammenfassung der Ergebnisse, S. 12); https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/leitlinien/fette/12-Zusammenfassung-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
[4] Harvard T.H. Chan School of Public Health
(2016): „Forty Years of Low-Fat Diets: A Failed Experiment“; https://hsph.harvard.edu/news/low-fat-diets-failed-experiment/
[5] Tufts Health & Nutrition Letter: „Why
the Low-Fat Diet Failed“; https://www.nutritionletter.tufts.edu/healthy-eating/why-the-low-fat-diet-failed/
[6] Natürlich Medizin / Thieme: „Wie
viele Eier sind gesund?“ (2025, Auswertung der DGE-Begründung); https://natuerlich.thieme.de/aktuelles/nachrichten/detail/wie-viele-eier-sind-gesund-4189
[7] Drouin-Chartier, J. P., et al. (2020). Egg consumption and risk of
cardiovascular disease: three large prospective US cohort studies, systematic
review, and updated meta-analysis. The BMJ.; Krittanawong, C., et al. (2020).
Association Between Egg Consumption and Risk of Cardiovascular Disease: A
Meta-Analysis. The American Journal of Medicine.; Dehghan, M., et al. (2020).
Association of egg intake with blood lipids, cardiovascular disease, and
mortality in 177,000 individuals in 30 countries. AJCN.
[8] Nouhravesh et al. (2025): „Effects of
fortified eggs and time-restricted eating on cardiometabolic health: The
PROSPERITY Trial.“ American Heart Journal, 279:27-39.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39414223/; Ergänzend: ACC-Pressemitteilung (2024):
https://www.acc.org/about-acc/press-releases/2024/03/28/11/43/eggs-may-not-be-bad-for-your-heart-after-all
[9] PubMed 2025: „Impact of dietary cholesterol
from eggs and saturated fat on…“; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40339906/
[10] Europäische Kommission, DG SANTE:
„Gluten-free food“
Offizielle
Seite mit Verweis auf die Verordnung und deren Anwendungsbereich.; https://food.ec.europa.eu/food-safety/labelling-and-nutrition/specific-groups/gluten-free-food_en
[11] Europäische Kommission, DG SANTE:
„Nutrition and Health Claims“
Offizielle
Seite mit Erläuterung des Regelungsrahmens.; https://food.ec.europa.eu/food-safety/labelling-and-nutrition/nutrition-and-health-claims_en
[12] Splendid Research / Deutschland
(2020): Laut der Studie haben 94 Prozent der Personen mit nachgewiesener
Zöliakie oder Glutensensitivität bereits glutenfreie Ersatzprodukte gekauft –
aber auch 86 Prozent der Personen ohne entsprechende Diagnose.; https://www.splendid-research.com/de/statistik/studie-glutenfreie-ersatzprodukte-2020/
[13] Lebwohl et al. (2017): „Long term gluten
consumption in adults without celiac disease and risk of coronary heart
disease.“ BMJ
357:j1892.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28465308/
[14] Lebwohl et al. (2017), BMJ
357:j1892; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28465308/; Präzisierung: Die Studie
umfasste 64.714 Frauen (Nurses‘ Health Study) und 45.303 Männer (Health
Professionals Follow-up Study), insgesamt rund 110.000 Teilnehmer über 26
Jahre.
[15] Penagini et al. (2013) / Vici et al.
(2016): „Gluten free diet and nutrient deficiencies: A review.“ Clinical Nutrition.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27211234/
[16] Lebwohl, B., et al. (2017). Long term gluten consumption in
adults without celiac disease and risk of coronary heart disease: prospective
cohort study. The BMJ

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